Digitale Zwillinge optimieren Lieferketten in der Getränkeindustrie mit Echtzeitdaten und KI – für Effizienz, Resilienz und Nachhaltigkeit.
Dieser Artikel wurde von Niraj Kumar Jha verfasst.
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Niagara Bottling
Die Getränkeindustrie steht vor einem Paradigmenwechsel: Statt rückblickender Dashboards setzen führende Unternehmen auf digitale Zwillinge – KI-gestützte, dynamische Abbilder der Lieferkette. Diese Technologie integriert Echtzeitdaten aus vernetzten Sensoren, ERP-Systemen und externen Quellen, um nicht nur zu überwachen, sondern zu simulieren, zu prognostizieren und Handlungsempfehlungen zu geben.
Über Jahrzehnte hinweg waren Dashboards das Herzstück der operativen Transparenz bei den Herstellungs- und Logistikprozessen der Getränkeindustrie. Das Management und die Standortleitung verließen sich auf farbige Diagramme und Leistungskennzahlen, um alles nachzuverfolgen, von der Produktionsleistung bis zur Transporteffizienz.
Das Dashboard-Dilemma
Doch Dashboards haben einen grundlegenden Nachteil: Sie zeigen nur, was bereits passiert ist – aber nicht, was jetzt geschieht, und schon gar nicht, was als Nächstes passieren wird. Wenn ein KPI rot aufleuchtet, ist der Lkw bereits verspätet abgefahren, das Silo schon leer oder das Lagerteam mitten im Krisenmanagement. Dashboards sind rückblickend; sie schaffen Bewusstsein, aber keine Vorausschau.
In einer Branche mit engen Margen, hohen Kundenerwartungen und zunehmenden Störungen in den Lieferketten reicht der „Blick in den Rückspiegel“ nicht mehr aus. Getränkehersteller müssen vom bloßen Monitoring zur aktiven Echtzeit-Steuerung übergehen.
Mit aktiver Echtzeit-Steuerung haben Getränkehersteller ihre Linien immer im Blick.
Der digitale Zwilling betritt die Bühne
Die Antwort auf diese Herausforderung liegt im schnellen Aufstieg der Digital-Twin-Technologie: eine dynamische, KI-gestützte Abbildung realer Lieferketten. Ein digitaler Zwilling integriert Live-Daten von vernetzten Sensoren (IoT-Sensoren), ERP-Systemen, Logistikplattformen und sogar von externen Quellen wie Wetter- oder Verkehrsdaten.
Im Gegensatz zu einem Dashboard, das den Status Quo von gestern in statische Diagramme presst, ist ein digitaler Zwilling ein lebendiges Modell. Er berichtet nicht nur – er simuliert, prognostiziert und gibt Handlungsempfehlungen.
Simulation: testen, was passiert, wenn eine Fülllinie ausfällt oder eine Autobahn gesperrt wird
Prognose: von Bestandsverbräuchen über mehrere Werke anhand von Echtzeit-Nachfragesignalen
Handlungsempfehlungen: automatische Gegenmaßnahmen – etwa das Ausschreiben eines Transportauftrags für die Spedition, bevor sich eine Störung ausweitet
In der Praxis bedeutet dies ein Umdenken: von „Was ist passiert?“ zu „Was sollten wir jetzt tun?“
Die Prognose von Bestandsverbräuchen kann nicht nur die autonome Materialversorgung innerhalb eines Betriebs steuern, sondern auch Bestandsverbräuche über mehrere Werke hinweg vorhersagen.
Krones hat diesen Schritt bereits mit seinen sogenannten Agentic Digital Twins vollzogen. Diese Form der digitalen Zwillinge kombiniert physikalisch präzise Simulationen mit KI-Agenten, die autonome Entscheidungen treffen können. „Mit den Agentic Digital Twins zeigen wir, dass Digitalisierung und KI nicht nur Zukunftsvisionen sind, sondern bereits heute messbare Effizienzgewinne und nachhaltige Vorteile liefern“, sagt Markus Tischer, Mitglied des Vorstands der Krones AG.
Diese digitalen Zwillinge unterstützen auch bei der Entwicklung und Optimierung des neuen Ingeniq Linienkonzepts, das Krones auf der drinktec 2025 vorstellte. Ingeniq vereint modulare Maschinenarchitektur, autonomes Material-Handling und KI-basierte Prozessoptimierung – alles gestützt durch Simulationen digitaler Zwillinge.
Mit Ingeniq präsentierte Krones auf der drinktec 2025 erstmals die Linie der Zukunft: datenbasiert sowie vollautomatisiert.
Von KPIs zu einem automatisierten Entscheidungssystem
Der Sprung von Dashboards zu digitalen Zwillingen verändert auch die Rolle von KPIs. Denn traditionelle Kennzahlen sind isoliert: OTIF (On-Time, In-Full), Kosten pro Einheit, Linieneffizienz, Transportauslastung – jede erzählt nur einen Teil der Geschichte. Führungskräfte müssen sie zusammenführen, oft mit widersprüchlichen Prioritäten.
Um dies zu lösen, wurde das Konzept der „Mother KPI“ entwickelt – ein übergreifendes Leistungssignal, das mehrere Dimensionen zu einem dynamischen Indikator zusammenführt. Die Mother KPI dient als Herzschlag des digitalen Zwillings und balanciert kontinuierlich die Themen Kosten, Service und Nachhaltigkeit.
Und so sieht es in der Praxis aus:
Wenn eine Kostenoptimierung im Transportbereich die termingerechte Lieferung gefährdet, sorgt die Mother KPI dafür, dass Zuverlässigkeit des Service Vorrang erhält.
Wenn ein Werk den Produktionsausstoß über die Lagerkapazität hinaus steigert, verknüpft die Mother KPI dies mit der Logistik und verhindert Überproduktion, die später ungenutzt bleibt.
Anstatt nur einzelne Bereiche zu optimieren, optimiert das System übergreifend das Ganze. Thomas Albrecht, Head of Simulation bei Krones, ergänzt: „Unsere Lösung integriert KI-basierte High-End-Strömungssimulation in den digitalen Zwilling der Abfülllinie und eröffnet völlig neue Möglichkeiten für Vorhersage, Optimierung und Visualisierung.“
Lieferantengesteuertes Bestandsmanagement – und zwar vorausschauend
Eines der leistungsstärksten Mittel dieses Wandels ist das vorausschauende Vendor-Managed Inventory (VMI, auf Deutsch: lieferantengesteuertes Bestandsmanagement). Traditionelles VMI ist reaktiv: Lieferanten füllen nach, sobald Bestände unter einen Schwellenwert fallen. Dank KI und digitalen Zwillingen wird VMI vorausschauend.
Stellen Sie sich vor, ein Lieferant für PET-Granulat ist durch den digitalen Zwilling direkt mit den Systemen von Niagara verbunden. Das Modell prognostiziert Verbrauchsraten, Produktionspläne und Liefereinschränkungen – und signalisiert Nachschub, bevor ein Engpass entsteht. Noch besser: Es kann mehrere Werke gleichzeitig ausbalancieren und die Versorgung dynamisch dorthin umleiten, wo sie am dringendsten benötigt wird. Das Ergebnis? Weniger Sicherheitsbestände, weniger Notfälle und eine reibungslosere Zusammenarbeit entlang der gesamten Lieferkette.
Auch die Ingeniq Linie von Krones profitiert von vorausschauenden Funktionen. Über den digitalen Zugang des Pakets Connect and Secure werden Produktionsdaten kontinuierlich überwacht und analysiert, was proaktiven Service und Entscheidungen basierend auf dem Bestand ermöglicht.
Mit vorausschauendem VMI können Verbrauchsgüter automatisiert bei Lieferanten nachgeordert werden, wodurch sich die Linieneffizienz zusätzlich steigern lässt.
Bildnachweis: Niagara Bottling
Automatisierte Ausschreibung: KI an der Laderampe
Das Ausschreiben von Transportaufträgen war bisher ein zeitaufwendiger, manueller Prozess – mit E-Mails, Telefonaten und Verhandlungen. Ein digitaler Zwilling kann für den Entscheidungsapparat jedoch einen Großteil dieser Arbeit automatisieren.
Wenn ein Speditionsunternehmen über die passende Ausrüstung, Kapazität und nachweisliche Zuverlässigkeit verfügt, vergibt das System den Auftrag sofort.
Ändern sich die Marktbedingungen (z. B. ein plötzlicher Anstieg der Treibstoffpreise), simuliert das System Alternativen, bevor es eine Entscheidung trifft.
Menschen bleiben für Ausnahme- oder strategische Entscheidungen eingebunden, während der digitale Zwilling die Routine übernimmt.
Dies verkürzt nicht nur die Durchlaufzeiten, sondern sorgt auch für faire Bedingungen, da jede Spedition auf Basis datengetriebener Leistung bewertet wird – nicht allein aufgrund von Beziehungen.
Resilienz trifft Nachhaltigkeit
Der Wechsel von Dashboards zu digitalen Zwillingen bedeutet nicht nur mehr Effizienz. Es geht auch darum, Resilienz und Nachhaltigkeit in die Lieferkette der Getränkeindustrie zu integrieren.
Resilienz: Der digitale Zwilling kann Unvorhergesehenes simulieren – von Streiks bis hin zu Naturkatastrophen – und alternative Routen, Transportwege oder Lieferanten vorschlagen. Anstatt Wochen später zu reagieren, passt sich die Organisation sofort an.
Nachhaltigkeit: Optimierte Transporte reduzieren Leerfahrten, eine KI-gestützte Produktionsplanung senkt den Ausschuss und eine bessere Abstimmung von Angebot und Nachfrage reduziert die Energieintensität pro produzierter Einheit.
Für Getränkebetriebe, die zunehmend den Fokus auf ihren CO₂-Fußabdruck und ihre ESG-Performance legen müssen, sind diese Vorteile nicht nur operative Erfolge, sondern strategische Notwendigkeiten. Die Herangehensweise beim Thema digitaler Zwilling bei Krones trägt direkt dazu bei, dass Nachhaltigkeitsziele erreicht werden können. Durch die Verkürzung der Simulationszeiten von ehemals drei bis vier Stunden auf weniger als fünf Minuten werden Ressourcen effizienter genutzt, Abfall wird minimiert und der Energieverbrauch – insbesondere im Bereich der Verarbeitung von Flüssigkeiten – deutlich gesenkt.
KI mit Fokus auf den Menschen
Oft besteht die Sorge, dass KI den Menschen ersetze. In Wirklichkeit funktionieren digitale Zwillinge am besten, wenn sie Menschen befähigen, qualitativ hochwertigere Entscheidungen zu treffen.
Die Produktionsleitung oder zuständige Teams für Planung und Logistikkoordination müssen nicht mehr Tabellen und Dashboards hinterherlaufen. Stattdessen können sie sich auf Szenarioplanung, die Zusammenarbeit mit dem Kunden und kontinuierliche Verbesserung konzentrieren. Das System übernimmt das Monitoring und die Routineentscheidungen – der Mensch steuert die Strategie.
Dieser menschenzentrierte KI-Ansatz (auf Englisch: Human-Centric AI) ist besonders in den Branchen wichtig, die auf jahrzehntelanger praktischer Erfahrung basieren. Digitale Zwillinge löschen dieses Wissen nicht aus – sie verstärken es.
Digitale Zwillinge geben der Produktionsleitung oder zuständigen Teams für Planung und Logistikkoordination jederzeit den Überblick über alle relevanten Daten – und schaffen Freiraum für das Wesentliche: Szenarioplanung, Zusammenarbeit mit dem Kunden und kontinuierliche Verbesserung.
Der Weg nach vorn
Der Übergang von Dashboards zu digitalen Zwillingen erfolgt nicht über Nacht. Die meisten Organisationen durchlaufen drei Phasen:
Dashboard-gesteuerte Abläufe: retrospektives Monitoring von KPIs
Hybride Modelle: erste vorausschauende Warnsignale ergänzen Dashboards
Vollständiges Ökosystem für den digitalen Zwilling: End-to-End-Orchestrierung mit automatisiertem Entscheidungssystem
Für Getränkebetriebe ist die Dringlichkeit klar: Kundenerwartungen steigen und der Kostendruck nimmt zu. Wer in der Dashboard-Ära verharrt, riskiert, den Anschluss zu verlieren.
Diejenigen, die auf digitale Zwillinge setzen, gewinnen nicht nur Effizienz – sie eröffnen Potenziale für Resilienz, Nachhaltigkeit und strategische Agilität.
Handeln ist gefragt
Die Getränkeindustrie war schon immer durch ihre Anpassungsfähigkeit geprägt – vom Glas zu PET, von manueller Abfüllung zu vollautomatisierten Linien. Der nächste große Sprung führt von Dashboards zu digitalen Zwillingen.
Für Entscheiderinnen und Entscheider der Branche stellt sich nun also nicht die Frage, ob dieser Wandel kommt, sondern wie schnell. Wer die Chance jetzt ergreift, gestaltet die Zukunft der Lieferketten in der Getränkeindustrie.